Streetfotografie mit Jeff – Eine Kurzgeschichte

Erhard Buntschu Articles in German, On The Streets 3 Comments

Diesmal habe ich mich vorbereitet. Ich weiss, Jeff wirft jedesmal, wenn wir uns treffen und zusammen fotografieren mit vielen Zitaten um sich, und ich stehe dann da und kann nichts Schlaues antworten. 

Jeff kommt, wie immer, ein paar Minuten zu spät und wirkt nervös: „Ich brauche dringend ein paar gute Street-Fotos.“ 

Ich überlege und sage: „Und ich brauche ein Bild, das mich erfreut.“ 

Darauf geht Jeff nicht ein.

Dann bringt Jeff sein erstes Zitat: „Ueber Fotografie gibt es nichts zu sagen. Man muss schauen, schauen ist alles.“ 

Der Klugscheisser, denke ich, hatte ich auch gelesen: Henry Cartier-Bresson im Buch „Man redet immer zuviel“, Gespräche über das Leben, die Kunst und die Photographie 1951 – 1998. 

„Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen“, zitiere ich Wittgenstein, damit ich auch was gesagt habe. Jeff macht ein ‚Ach, kennt doch jedes Kind‘- Gesicht und mir ist es peinlich.

Dann sage ich: „Ok, ziehen wir los?“ 

Wir haben abgemacht, ein paar Stunden durch die City zu ziehen und zu fotografieren.

„Fotografiere nur, was du liebst.“ – (Tim Walker). Innerlich freue ich mich, ein weiteres Zitat platziert zu haben.

„Warum sollte ich lieben, was ein gutes Foto ergibt?“ entgegnet Jeff. „Ich weiss doch, was gut ankommt? Und ich liebe auch Hässliches, aber spannend muss es schon sein“. 

Ich: „Bin gespannt, ob du was Spannendes findest.“ Heute scheint es gut zu sein. Es gibt nicht zuviele und auch nicht nur sehr wenig Leute, wie an einem Sonntagmorgen. „Also, in einer Stunde wieder,“ schlage ich vor. Wir gehen jeweils eine kurze Zeit jeder für sich und treffen uns dann wieder.

„Machs gut,“ sagt Jeff und ist schon verschwunden.

Obwohl ich schon seit Jahren auf der Strasse fotografiere, kann ich nicht einfach, sobald ich die Kamera in der Hand habe, Fotos schiessen. Ich brauche eine Anwärmzeit.

Dabei ist es eigentlich so einfach. Gehe durch die Strassen und mache ein Bild. Aber wovon? 

Ich sehe Autos, Lärm, hastige Menschen, traurige Gesichter und Langeweile. Nichts, das mich spontan anzieht.

Da sitzt ein Mann auf dem Rand eines Brunnens und malt. Offenbar malt er schon lange hier, schaut auf, benetzt den Pinsel mit Farbe, führt den Pinsel zur Leinwand und malt weiter, geduldig und konzentriert. Ich gehe etwas näher: ‚klick‘. Ich habe ein Bild eines Mannes auf der Strasse, der ein Bild malt. Die Konzentration und Ernsthaftigkeit ist in seinem Gesicht zu erahnen. Malen kann man nur, wenn man sich Zeit nimmt zu schauen.

Fotografie ist die Kunst der Malerei ohne Pinsel, – (Damien Berrard) 

Meine Schritte sind ruhig und gemächlich. Die tiefe Konzentration des Malers möchte ich auch für meine Fotos einsetzen. Mir missfällt die Oberflächlichkeit meines schnellen “Klick” und weiter.

Ich habe noch immer das Zitat ‚über Fotografie gibt es nichts zu sagen‘ im Kopf. Für mich stimmt das nicht. Ich habe das Bedürfnis, darüber zu sprechen, wie es mir geht, wenn ich mich in Strassenfotografie vertiefe. Weit vorne sehe ich Jeff. Er knipst wie wild vor sich hin. Mir fällt auf, dass er einen draufgängerischen Gang hat. Seine trainierten Arme und Beine beeindrucken mich.

Vor einer Woche habe ich geträumt, dass ich Jeff sei. Mutig stand ich da und habe die Menschen aus nächster Nähe fotografiert. Ich habe mich gut gefühlt, bis einer kam und forsch sagte: „Was machst du da?“ Und ich bin aufgewacht. Aber die Frage, `was machst du da` ist mir den ganzen Tag im Kopf geblieben.

Ich wusste, Jeff würde einfach mit einem Lächeln „ich fotografiere“ sagen. „Aber doch nicht mich, würde der Mann mit dem mürrischen Blick entgegnen.“ Ich denke ich habe kein Recht Menschen zu verärgern.

In einer Stunde treffen wir uns wieder beim Hauptbahnhof. Stolz zeigt er mir ein Bild eines Kindes in der grossen Halle des Hauptbahnhofes.

Jeff: “Ich hatte unwahrscheinliches Glück. Eine Sekunde später hat die Mutter das Kind an der Hand genommen”. Ich staune, die Pose des Kindes ist sehr typisch für ein kleines Kind. Wunderbar.

Ich habe auch ein Bild, ein Schnappschuss. Es zeigt eine Frau mit drei Hunden an drei Hundeleinen, die sich erstaunlicherweise nicht verwickeln. Sie geht einige Stufen ans Wasser hinunter. Eine Tafel zeigt ein Hundeverbot. Jemand hat darübergemalt. Die Frau kümmert sich nicht darum. Wahrscheinlich hat sie es gar nicht gesehen. Diskret habe ich das Gesicht der Frau nicht im Bild erscheinen lassen. Man sieht sie nur von hinten. Ein zweites Bild zeige sie, wie sie sich nach den Hunden umdreht. Jeff findet, dass es besser ist das Gesicht der Leute zu zeigen: „Du musst direkter sein, sonst erreichst du nichts.“ Ob er recht hat?

Für mich ist es auf jeden Falls so, dass ich die Leute nicht vor den Kopf stossen möchte. Ich bin nicht Polizist und muss die Einhaltung von Verboten nicht durchsetzen.

Dann wollte Jeff schon wieder weiter.

Ich will ihn mit einem Zitat von Werner Heisenberg ermahnen, sich Zeit zu nehmen: „Niemand erkennt eine Blume wirklich – sie ist so klein, das braucht Zeit, und wir haben keine Zeit. Erkennen braucht Zeit“. Ich denke an den Maler auf dem Brunnenrand. 

Da sieht man, obwohl wir grundverschieden sind machen wir beide Strassenfotografie.

Ich renne Jeff hinterher:

Ich: „Herrgott. Jetzt bleib doch stehen.“ 

Jeff: „Ich brauche gute Bilder.“

„Fotografiere niemals etwas, das dich nicht interessiert“, ich dachte an Lisette Model. Jeff war schon weit vorne.

Alex Webb sagte: In der Strassenfotografie machen Misserfolge 99.9% aller Bilder aus“. Und ich denke, wenn ich ein oder zwei gute Bilder am Ende des Tages habe, bin ich völlig zufrieden. Aber die muss ich erst noch machen. 

Ansel Adams meinte sogar, dass „zwölf gute Fotos in einem Jahr eine gute Ausbeute“ seien.

Ich suche nach Lustigem, schaue nach Lichteffekten, überraschenden Situationen. Silhouetten kommen immer gut an, Spiegelungen in einer Pfütze, Verdopplungen in einer Schaufensterscheibe überraschen immer noch. Aber ist doch langweilig. Muster, die alle kennen. Ein Bild braucht etwas Unvorhergesehenes, Rätselhaftes.

Vorerst gibts nichts. Meine Erfahrung sagt mir aber: ‚dranbleiben, dranbleiben‘. Während den nächsten 20 Minuten sehe ich nichts Spannendes. Das sind die Momente, in denen ich denke, dass ich vielleicht Besseres mit meiner Zeit anfangen könnte. 

Ein Zitat kommt mir in den Sinn: „Die kreativsten Schaffensperioden sind die, in denen man in vollen Zügen lebt. Verliert man diese Intensität, verliert man alles.“ Josef Koudelka. Und ich leiste mir ein Erdbeereis und geniesse es in vollen Zügen. 

Jeff ist mit raschem Schritt zurückgekommen. 

Er hat sich inzwischen daran gewöhnt, dass ich, wenn er zurückkommt, viele Fragen und wenig Fotos habe: „Hey Jeff, was willst du eigentlich mit deinen Bildern zeigen?“

Jeff, etwas verwirrt wegen dieser Frage, zögert. 

„Ja, ich weiss, das ist eine schwierige Frage“, versuche ich die Stille zu überbrücken und denke, dass ich Jeff noch nie verlegen gesehen habe. „Du willst zeigen, dass du gut fotografieren kannst, richtig?“ Er macht ein erstauntes Gesicht: „Du etwa nicht?“

Ich: „Ich will nicht rumknipsen“.

Jeff: „Ich knipse nicht.“

Ein Zitat von Friedrich Dürrenmatt kommt mir in den Sinn. 

„Jeder kann knipsen. Auch ein Automat. Aber nicht jeder kann beobachten. Photographieren ist nur insofern Kunst, als sich seiner die Kunst des Beobachtens bedient. Beobachten ist ein elementar dichterischer Vorgang. Auch die Wirklichkeit muss geformt werden, will man sie zum Sprechen bringen.“

Also beobachte ich. Jeff trommelt mit dem Zeigefinger auf dem Gehäuse seiner neuen Kamera herum und macht mich nervös.

Ich denke: „Vielleicht sollte man doch alleine unterwegs sein.“

Das mit den Zitaten wird mir langsam zuviel. Aber ich kriege sie aber nicht mehr aus dem Kopf “Man muss die Einsamkeit lieben, um Fotograf zu werden“ – (Raymond Depardon):

Mir kommt Alec Soth in den Sinn, der es so auf den Punkt brachte: „Ich verliebte mich in die Fotografie, denn sie gab mir einen Grund, allein umherzulaufen.“

Trotz allem die Auseinandersetzungen mit Jeff mag ich. Manchmal bringen sie mich weiter. Ich habe am Ende des Tages selten gute Bilder, aber ich habe viel nachgedacht. Ob das auch wichtig ist?

Ich sage zu Jeff: „Ich kann mich bei dieser Hetze nicht inspirieren lassen, ich brauche eine Inspiration.“

Jeff, abwertend: „Ach, Inspiration, komm, wir machen Street. Inspiration tönt nach göttlicher Eingebung“.

Ich: „Nein, ich muss was sehen, im Fluss sein.“

Jeff unterbricht mich: „Das ist deine Sache.“

Ich: „Wenn ich mit dem Zug unterwegs bin, dann habe ich beim Umsteigen oft einfach Zeit und kein Ziel. Für Street, wie ich es verstehe, reicht diese Zeit nicht. Aber, da mache ich oft die besten Bilder. Ich bin immer wieder erstaunt.“

Jeff: „Aber ich brauche ein Ziel. Und wie geht denn diese Inspirationsgeschichte?“

Ich: „Ganz einfach. Ich sehe etwas Interessantes, wenn ich wirklich offen bin. Ich erkenne sofort in welcher Beziehung das mit den Gegenständen oder Menschen daneben steht. Dann setze ich es in einen bestimmten Rahmen, suche einen guten Winkel, eben all das. Das Licht, die Farben, oder ist es eher ein Schwarzweissbild?“

Jeff: „So kommst du immer zu spät. Die Situation ist vorbei, die Person ist weg – alles viel zu langsam.“

Jeff zitiert: “Man muß sich beeilen, wenn man etwas sehen will, alles verschwindet.“ (Paul Cezanne.)

Ich: „Ok, manchmal kann ich nicht schneller sein. Wenn ich zum Beispiel einen Hintergrund gefunden habe und warten muss, bis jemand genau richtig in das Bild zu stehen kommt.“ 

Jeff: „Ich habe schon 10 Minuten gewartet, bis ich merkte, dass da gar niemand vorbeikommen kann.“

Ich: „Lass uns nicht rumstressen, wie viele auf Instagram, die denken, dass sie ein Bild in einem Bruchteil einer Sekunde erfassen können“.

Jeff: „Das ist aber schon so: ich sehe sehr schnell, ob ein Bild taugt.“

Zuerst zögere ich, sage es aber doch:„Du bist ein elender Verstandesmensch“. 

Postwendend kommt die Antwort: „Und du ein hoffnungsloser Gefühlsmensch“.  

Direkt und klar, so sprechen wir miteinander, seit der Grundschule.

Ich: „Wie sagte doch Henri Cartier-Bresson:  

Ein gutes Foto ist ein Foto, auf das man länger als eine Sekunde schaut.“

Jeff: „Eben, Ich glaube, du bist gar kein richtiger Streetfotograf. Ein Streetfotograf ist ein Draufgänger, der weiss, was er will.“

„Übrigens“, sage ich: „kein Geringerer als Piccasso hat gesagt: „Die Inspiration existiert. Aber sie muss Dich bei der Arbeit finden.“ „Dazu braucht es etwas Ruhe,“ dopple ich nach.

Ich: „Also, Jeff, was willst du denn?“

Jeff: „Ein gutes Foto machen und nicht hier rumquatschen“. 

Ich: „Ich frage mich: was ist ein gutes Foto und das meine ich ganz ehrlich.“

Jeff: „Gut ist, was viele Likes bekommt.“

Ich:  „Kürzlich habe ich eine Karikatur in einer Zeitung gesehen: Da war eine Todesanzeige: unter dem Namen und gleich unter dem Geburts- und Todesjahr stand „6521 Likes“.

Jeff schaut auf das Display seiner Kamera und löscht Bilder.

Ich:  „Jeder Mensch hat einen persönlichen Geschmack. Objektive Kriterien, glaube ich, gibt es kaum. Was beim Betrachter anklingt, ist entscheidend. Wenn ich ein Bild sehe, kann ich es sehr schnell als gut oder schlecht beurteilen. Wenn ich es aber genauer betrachte, entdecke ich, warum das Bild für mich gut oder schlecht ist. Klingt etwas bei mir an? Hat es für mich eine Bedeutung? Wenn ein Bild einfach nur schön ist, reicht das nicht. Zuerst ist das Bauchgefühl und dann kann mir der Verstand erklären, warum das Bild mir gefällt oder nicht. Gefühl und Verstand gehören eben zusammen. Ich will mit Hilfe der Fotografie die Welt begreifen. Und da ich meine Fotos mache, geht es auch darum, mich zu begreifen.“

So, das war ein langer Monolog, denke ich und sehe Jeff an, dass es genug ist. Also eine dritte Runde.

Mir fällt auf, dass ich voller Energie bin. Das Gespräch hat mir irgendwie gut getan. Ich nehme die Herausforderung an. Auf einer Wiese hat es viele Stühle. Auf fast jedem Stuhl sitzt eine Person, und die Corona – Abstände sind eingehalten. Einer arbeitet am Laptop, eine Frau sitzt auf der Mauer davor. Zwei Afrikaner sprechen miteinander, ein Rentner hat die Maske über dem Kinn und sitzt friedlich in der Sonne. Irgendwie sieht es aus wie in einer Theatervorstellung. Das ist Leben, das ist Alltag. Nichts Besonderes, aber die Leute sind so.

Beflügelt gehe ich weiter.

Steven Shore hat mal gesagt: „Etwas Spektakuläres zu sehen und es als fotografische Möglichkeit zu erkennen, ist kein grosser Sprung. Aber etwas Gewöhnliches zu sehen, etwas, das man jeden Tag sieht, und es als fotografische Möglichkeit zu erkennen – das interessiert mich.“

Steven Shorts Bilder faszinieren mich. Ich erlebe sie bei flüchtigem Hinsehen als nichts Besonderes, aber ich muss sie immer wieder anschauen. Diese Art von Fotos möchte ich auch machen können. Seit einiger Zeit denke ich, dass Streetfotografie auch ganz anders sein könnte. Ich müsste ganz bei mir sein und die ganzen Likes sollten mir egal sein. Fotos machen für mich, was mir gefällt. Daran arbeite ich. Aber jetzt brauche auch ich ein Bild, das Jeff beeindruckt. Oder kann ich zurückkommen und sagen, „Sorry, war wohl nichts“.  

Gedankenverloren bin ich in eine Unterführung hineingelaufen. Mittlerweile steht die Sonne tief. Ich sehe eine Frau in einem roten Mantel kommen. Ein grosser Schatten wird an der Wand immer grösser. Ich drücke ab. Dieses Bild gefällt mir.

Motiviert mache ich mich auf den Rückweg. Meine Schritte sind rascher geworden.

Jeff zeigt mir ein Bild zweier Männer, die an einer Strassenecke sitzen und ein Bier trinken. Die Sonne steht tief, die Strasse ist leer. Die Fotografie strahlt eine Ruhe aus, stellt aber auch Fragen. Zum Beispiel, wo sind all die Menschen? Oder warum hat Jeff die Personen von hinten aufgenommen?

Es ist sehr reizvoll zu sehen, was jeweils der andere erreichen konnte.

In drei Wochen habe ich wieder mit Jeff abgemacht. 

Comments 3

  1. Ein richtig toller Artikel, herzlichen Dank dafür!
    Da habe ich die nächsten Tage was zum nachdenken. 🙂
    Ich kenne beide Seiten. An manchen Tagen kann ich eine halbe Stunde an einer Stelle stehen und warten, an anderen laufe ich wie auf Speed durch die Straßen.
    Die besten Bilder kommen bei mir aber, wenn ich mich langsam und kontemplativ treiben lasse.
    Auch wenn ich weiß, dass ich durch die Langsamkeit viele gute Momente verpasse.
    Na und? Ich kann ja wiederkommen.
    😊

  2. Awesome blog post but wierd af if your names jeff😅

    Hit me up if you need a jeff that takes street a little slower

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