Ein Gespräch mit Ivan Rigamonti

Erhard Buntschu Articles in German, Interviews, On The Streets 1 Comment

New York in Zürich

Europaallee Zürich September 2021. Da sitzt er also. Ich sehe ihn zum erstem Mal und doch glaube ich, ihn zu kennen: Ivan Rigamonti.

Gestern habe ich, um mich vorzubereiten, fast drei Stunden seine Bilder auf Instagram und Flickr angeschaut. Genauer, ohne schnell weiterzuklicken, wie leider so oft, immer mit der Frage, wer hat diese Bilder gemacht. Sie gefallen mir. Die Bilder sind sorgfältig aufgebaut, geradlinig und gut komponiert. Licht und Schatten bestimmen oft das Erscheinungsbild. Fast täglich veröffentlicht er ein gutes Bild; ein Macher, der nicht nur ab und zu ein Foto schiesst. Wie macht er das?

Ivan erzählt mir: “Als ich vor fast 10 Jahren angefangen habe, mich mit Strassenfotografie zu befassen, habe ich Streetfotos von New York gesehen, die mir sehr gut gefallen haben.”

Bald hat er daraus ein eigenes Konzept entwickelt: ” Ich möchte zeigen, dass Zürich mindestens so fotogen wie New York oder London oder sogar noch fotogener ist.”

Berufsbedingt ist Ivan als Freelancer für Softwareentwicklung viel gereist. Seit bald 10 Jahren in Europäischen Kooperationen tätig, hat er viele interessante Orte gesehen. Warum konzentriert er sich jetzt auf Zürich?

“Ich zeige gerne Zürich weil ich stolz auf Zürich bin.” Wir schauen seine Bilder an und ich staune, wie genau er Zürich kennt. Er zeigt auf ein Bild, das er vor drei Jahren gemacht hat und bemerkt sofort, dass die Fassade heute nicht mehr gleich ist wie damals. Oft kommt er zu unterschiedlichen Tageszeiten an den Ort, schaut sich alles genau an und macht dann das Bild, wenn alles stimmt.

Das Bild ‘Limmatquai, Zürich, 2017’ ist mir sofort aufgefallen. Deshalb frage ich ihn, wie er das gemacht hat: zwei Leute als Schatten, zwei wartend mit Natel beschäftigt und zwei, die in ein Gespräch vertieft eine Treppe hochgehen. Eine tolle Komposition.

Ivan erklärt sein Vorgehen: “Wenn die Sonne untergeht, gibt es auf der einen Wand beim Helmhaus einen Schatten, der den Torbogen abbildet. Das wusste ich. Darauf habe ich mich konzentriert. Häufig sind um diese Zeit sehr viele Leute unterwegs. Nach ca. 30 Minuten hatte ich Glück, es kam kein Tram, kein Auto, keine Passanten sind auf der Strasse oder vor mir durchgegangen. Die beiden Wartenden auf der anderen Strassenseite haben mich nicht gestört und die zwei auf der Treppe habe ich erst später bemerkt.”

Ich habe gelernt, dass Ivan mit viel Zeit und Geduld fotografiert. Beim nächsten Bild bin ich sicher, dass es sich um einen Schnappschuss handelt, der spontan entstanden ist. Nein, gefehlt:

“Ich suche Bilder, die kontrastmässig gut funktionieren. da habe ich mich beim Münsterhof an eine Stelle mit dunklem Hintergrund hingestellt und gewartet. Es musste eine Frau mit langen Haaren sein. Ich wusste, Schwarzhaarige würden nicht funktionieren. Also wartete ich, bis eine Frau mit blonden Haaren vorbeikam.”

Münsterhof, Zurich, 2017

Der zottelige Hund vor einem weissen Hintergrund, der in der Grösse genau passt. Wie lange hat er da wohl gewartet?

“Nein, ich habe das Bild gesehen und gleich abgedrückt.” Perfekt.

Train Station Adliswil, Zurich, 2017

Ich möchte eine gewisse Ästhetik in meinen Bildern haben, möglichst wenig Unruhe.

Zürich ist voller Altbauten. Das bedeutet, dass der Hintergrund wegen der Fassaden, die häufig noch Ornamente haben, wegen der vielen Werbung und den Graffitis wahnsinnig ablenkt. Um saubere Fotos zu machen, nutze ich oft viel Licht und Schatten, die die Unruhe verschwinden lassen. Manchmal benutze ich auch ein Teleobjektiv, dann kann ich die Ablenkungen ausblenden. Das Einsetzen von geringer Tiefenschärfe ist ebenfalls ein gutes Mittel.

Moderne Quartiere wie zum Beispiel der Hardgrund haben ruhigere Flächen, viel Glas ähnlich wie in New York. Da nehme ich oft das Weitwinkel.

Ich möchte wissen, mit welchen Objektiven er meistens arbeitet und ob er alle immer dabei hat.

“Ich nehme höchstens zwei Objektive mit. Meistens aber nur eins, wenn ich von Anfang an weiss, wohin ich gehe. Wenn ich einen Sechsstundentag habe, kann es auch sein, dass ein Objektivwechsel neue Impulse gibt. Ich fotografiere auf der Strasse meist mit 35 aber auch mit 85 oder 135 mm.”

Ich bin erstaunt und frage ihn, ob er es wirklich schaffe, sechs Stunden nacheinander zu fotografieren? Ich selbst sei nach drei Stunden müde.

“Nein, mit Pause natürlich.”

Ivan hat 16 Minuten mit dem Zug nach Zürich. Als Freelancer kann er sich den Tag einteilen: “Dann arbeite ich halt am Samstag, je nach Wetter.”

Ivan erinnert sich: “Am Anfang musste ich lernen, langsamer zu gehen. Jetzt habe ich keinen Zeitdruck mehr. Wenn sich nichts ergibt, warte ich eine halbe Stunde.”

Die Fotografie ist auch ein Ausgleich zum anstrengenden Beruf. Aber er liebt beides: “Manchmal fotografiere ich mehr, dann vielleicht wieder weniger, phasenweise.”

Ich bin beeindruckt: Heute habe ich gelernt, dass man einen Ort nie genug gut kennen kann, und dass es sich sehr lohnt, immer wieder an den Ort zurückzukehren, wo man ein gutes Bild erwartet, bei unterschiedlichen Lichtverhältnissen.

Und trotzdem braucht es eine grosse Bereitschaft, sich immer wieder auf eine neue Situation einzulassen. Und das Sehen zu üben.

Dieses aussergewöhnliches Bild (unten) muss ich unbedingt noch mit ihm besprechen und ich frage ihn nach der Geschichte hinter diesem Bild:

“Ich habe als erstes das Flugzeug gesehen und gehofft, dass es weiter in die Richtung dieses Mannes fliegt. Er blieb zum Glück stehen und es kamen keine Leute. Oft kommt im letzten Moment jemand und läuft im entscheidenden Moment durch das Bild. Ich musste mich bücken und drehen, damit die Winkel stimmen. Die Leute haben sich sicher gewundert, was der da mit seiner Kamera macht.

Bei meinen Bildern sind die Leute relativ schwer zu erkennen, bei Silhouetten sowieso. Ich bin nicht der, der mit der Kamera die Leute sehr nahe fotografiert. Wenn ich unterwegs bin, will ich für mich die Strasse entlang gehen. Die Fotos haben vermutlich auch deshalb eine gewisse Distanz zu den Fotografierten. Und es ist auch nicht wegen dem Gesetz. Ich möchte auch nicht ungefragt exponiert werden.”

Und dann ist da noch die Frage wann farbig und wann schwarzweiss. Ich frage ihn, ob er dies im voraus festlege, oder je nach Sujet entscheide.

Die Antwort ist klar: “Plan A ist farbig, B ist schwarzweiss. Schwarzweiss nur, falls es farblich nicht funktioniert, wenn zum Beispiel die Farbe zu fest ablenkt.”

Ich verabschiede mich von Ivan, danke ihm für das Gespräch, für die Anregungen und Tipps und die Zeit, die ich mit ihm in Zürich verbringen konnte. Die Fotos sagen viel über ihn. Jetzt ist das Bild noch runder, differenzierter.

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